Stanislas de Guaita ist eine der bedeutenden Gestalten der französischen okkultistischen Erneuerung am Ende des 19. Jahrhunderts. Er wurde am 6. April 1861 im Schloss Alteville in Lothringen geboren und starb am 19. Dezember 1897 am selben Ort. Er war zugleich Dichter, Bibliophiler, Theoretiker der Magie, Förderer initiatischer Gesellschaften und Mitbegründer des Kabbalistischen Ordens vom Rosenkreuz. Sein sehr kurzes Leben hinterließ dennoch einen nachhaltigen Eindruck auf den französischen Okkultismus, den esoterischen Tarot, die christliche Kabbala und die Vorstellungswelt der modernen «schwarzen Magie».
Sein Ruf wurde schon früh durch Polemiken getrübt. Guaita wurde von Gegnern, die mit der Affäre Boullan verbunden waren, der Verhexung, des Satanismus, des magischen Mordes und dämonischer Praktiken beschuldigt. Nach seinem Tod nährten seine Abhängigkeit von Morphin und Aufputschmitteln zusätzlich das Bild eines «verfluchten Magiers». Eine sorgfältigere Betrachtung zeigt einen anderen Menschen: einen lothringischen Aristokraten, einen im parnassischen Geschmack geschulten Dichter, einen leidenschaftlichen Leser von Éliphas Lévi, einen methodischen Organisator, einen Sammler von Tausenden von Werken und den Urheber eines ehrgeizigen intellektuellen Projekts über die «verfluchten Wissenschaften».
Guaita vereint somit drei Seiten, die sich nicht gegenseitig ausschließen: den Jugenddichter, den Theoretiker des Okkultismus und den spektakulären Magier, zu dessen Entstehung sowohl seine Gegner als auch seine Bewunderer beitrugen.
Geburt im Schloss Alteville
Stanislas de Guaita wird am 6. April 1861 im Schloss Alteville bei Tarquimpol in Lothringen geboren. Sein Vater, François-Paul de Guaita, gehört einer adligen Familie lombardischer Herkunft an, die sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Lothringen niederließ. Seine Mutter, Marie-Amélie Grandjean, stammt aus einer lothringischen Familie, die mit dem Gut Alteville verbunden ist.
Das Schloss wird für Guaita zu weit mehr als einem Geburtsort. Er kehrt regelmäßig dorthin zurück, bewahrt dort einen Teil seiner Bücher auf und stirbt dort 1897. Zeitgenössische Biografien und die Informationen zum Kulturerbe des Schlosses bestätigen diese enge Verbindung zwischen Guaita und Alteville.
Guaita erhält eine Ausbildung, die seinem gesellschaftlichen Umfeld entspricht. Er besucht das Gymnasium in Nancy und entwickelt schon früh ein Interesse an Literatur, Chemie, Philosophie und religiösen Spekulationen.
In diesem Umfeld begegnet er Maurice Barrès, der fast gleich alt ist wie er. Ihre Freundschaft wird ein Leben lang halten. Nach Guaitas Tod widmet Barrès ihm den schmalen Band Ein Erneuerer des Okkultismus, der 1898 veröffentlicht wird.
Barrès’ Zeugnis bleibt eines der wichtigsten Dokumente, um den jungen Guaita zu verstehen. Er erinnert sich an einen Freund, der sich für Poesie, Schönheit, seltene Lektüren und intellektuelle Spekulationen begeisterte.
Dieser Text ist offensichtlich eine Hommage: Barrès schreibt nach Guitas Tod und versucht, die Erinnerung an einen Freund festzuhalten. Dennoch bleibt er wertvoll, weil er eine Beziehung beschreibt, die vor Guitas okkulter Berühmtheit begann.
Ein Dichter, bevor er Okkultist wurde
Guaita beginnt seine Laufbahn als Dichter. 1881 erscheint Oiseaux de passage. Anschließend veröffentlicht er 1883 La Muse noire und 1885 Rosa mystica. Die Bibliothèque nationale de France bewahrt diese drei Gedichtsammlungen auf und ermöglicht es, diese frühe Phase nachzuverfolgen. Sie zeigen einen jungen Autor, der sich zu Baudelaire, dem Parnass, nächtlichen Bildern, dem Tod, Düften und Bewusstseinszuständen hingezogen fühlt.
Die Nachwelt ordnet Guaita den Symbolisten zu, weil er in diesem Umfeld verkehrt und an dem damit verbundenen intellektuellen Klima teilhat. Alain Mercier hat jedoch auf einen wichtigen Punkt hingewiesen: Seine poetische Form steht dem Parnass näher als dem innovativsten Symbolismus.
Sein Interesse am Okkultismus wird seine Themen später verändern, aber nicht vollständig seine Vorliebe für eine kunstvoll gestaltete und klassische Dichtung. Guitas Lyrik trägt bereits den Abdruck psychoaktiver Substanzen, des Opiums, des Haschischs und des Morphiums.
Sein Gedicht Les Fleurs vénéneuses behandelt diese Substanzen zugleich als Gifte und als Mittel des Vergessens. Dieser Text erhält eine besondere Bedeutung, wenn man sein späteres Verhältnis zum Morphium kennt. Dennoch sollte man vermeiden, sein gesamtes Werk ausschließlich durch das Prisma der Abhängigkeit zu lesen: Diese Themen gehören auch zur dekadenten und baudelairehaften Kultur seiner Zeit.
Paris und die Hinwendung zum Okkultismus
In den 1880er-Jahren lässt sich Guaita in Paris nieder. Er verkehrt mit Schriftstellern, Dichtern, Künstlern und Menschen, die sich für die okkulten Wissenschaften interessieren. Sein Vermögen ermöglicht es ihm, zu leben, ohne vollständig von seinen literarischen Einkünften abhängig zu sein, und vor allem eine außergewöhnliche Bibliothek aufzubauen. Diese Bibliothek wird zu einem der wichtigsten Werkzeuge seiner Arbeit.
Die Begegnung mit Joséphin Péladan spielt eine bedeutende Rolle. Péladan veröffentlicht 1884 Le Vice suprême, einen Roman voller Verweise auf das Rosenkreuzertum, Eingeweihte und verborgene Traditionen. Guaita entdeckt in diesem Umfeld eine Literatur, die Kunst mit einer initiatischen Weltsicht verbindet. Die beiden Männer arbeiten anschließend zusammen, bevor sie sich in Lehrfragen trennen.
Die Lektüre von Éliphas Lévi verändert Guaita zutiefst. In Lévi sieht er den großen modernen Erneuerer der westlichen Hohen Magie. Guaita übernimmt von ihm mehrere Ideen: die christliche Kabbala, die Entsprechungen, den Wert des Pentagramms, die Polarität zwischen weißer und schwarzer Magie sowie die Notwendigkeit einer moralischen Disziplin. Dennoch wird er nicht zu einem bloßen Kommentator. Sein Vorhaben besteht darin, dieses Erbe mit den Quellen, die er in seiner eigenen Bibliothek zusammenträgt, neu aufzugreifen und zu ordnen.
Antoine Fabre d’Olivet und Saint-Yves d’Alveydre zählen ebenfalls zu seinen Referenzen. Fabre d’Olivet nährt sein Interesse an den heiligen Sprachen, der biblischen Symbolik und den großen historischen Synthesen.
Saint-Yves interessiert ihn durch seine Theorie der Synarchie, die als harmonische Gesellschaftsordnung konzipiert ist und auf einer Hierarchie der Funktionen beruht. Guaita versucht so, eine Weltanschauung zu entwerfen, in der Religion, Politik des Geistes, Symbolismus und Okkultismus ein Ganzes bilden.
1886 veröffentlicht Guaita Au seuil du mystère. Das Werk markiert seinen öffentlichen Eintritt in den Okkultismus. Es handelt sich nicht um ein praktisches Grimoire, sondern um ein Einführungsbuch, das die allgemeinen Prinzipien der « sciences occultes » darlegen soll, wie er sie versteht. Die BnF bewahrt mehrere aufeinanderfolgende Ausgaben auf, darunter eine wichtige überarbeitete Fassung von 1890 und anschließend eine dritte, erweiterte Ausgabe von 1895.
Guaita übernimmt den Ausdruck « sciences maudites », um Bereiche zu bezeichnen, die von modernen Institutionen zurückgewiesen oder verachtet werden: Magie, Kabbala, Alchemie, rituelle Symbolik und psychische Phänomene. Der Begriff bedeutet nicht, dass er das Böse verherrlicht.
Im Gegenteil will er Themen wiederaufgreifen, die als gefährlich oder irrational gelten, und sie nach einer Methode untersuchen, die er als geordnet und philosophisch darstellt. Dieser Anspruch erklärt den allgemeinen Titel seines großen Zyklus: Essais de sciences maudites.
Seine Bibliothek gehört zu den am besten dokumentierten Tatsachen seines Lebens. Nach seinem Tod veröffentlicht René Philipon 1899 den Verkaufskatalog Stanislas de Guaita et sa bibliothèque occulte. Die Wellcome Collection bewahrt das vollständige Werk auf und gibt **2 227 Lose** an, die zum Verkauf standen. Darin finden sich Grimoires, Werke über Kabbala, Alchemie, Theologie, Hexerei, Medizin, Magnetismus, Freimaurerei, Rosenkreuzertum und Religionsgeschichte.
Guaita annotiert, vergleicht und zitiert seine Bücher ausführlich. Diese Sammlung ermöglicht es ihm, auf der Grundlage alter Ausgaben zu arbeiten, statt ausschließlich von den okkultistischen Zusammenfassungen seiner Zeit abhängig zu sein.
Sie erklärt auch die bibliografische Dichte seiner großen Werke. Seine Gelehrsamkeit bleibt die eines Okkultisten des 19. Jahrhunderts, mit seinen Vorannahmen, doch sie stützt sich auf eine echte Lektürearbeit.
Guaita lernt anschließend Papus, Gérard Encausse, kennen. Der Kontrast zwischen den beiden Männern ist frappierend: Guaita besitzt die Bücher, das Vermögen und die Vorliebe für die Lehre; Papus bringt eine außergewöhnliche Energie für Organisation, Veröffentlichung und den Aufbau von Netzwerken ein.
Ihre Zusammenarbeit wird zu einer der wichtigsten Achsen des Pariser Okkultismus. Papus veröffentlicht, organisiert, lehrt und knüpft Netzwerke; Guaita bringt intellektuelle Autorität und eine beträchtliche Bibliothek ein.
1888, der Kabbalistische Orden vom Rosenkreuz
1888 gründeten Guaita und Péladan den Kabbalistischen Orden vom Rosenkreuz, dem sich bald Papus, François-Charles Barlet und weitere Mitarbeiter anschlossen und den sie weiterentwickelten. Der Orden will dem Studium der Kabbala und der westlichen Hermetik eine Struktur geben.
Er verwendet Grade und interne Prüfungen. Dieses Projekt gehört vollständig zur Kultur des späten 19. Jahrhunderts, in der mehrere Initiationsgesellschaften versuchen, rosenkreuzerische Abstammungslinien wiederherzustellen.
Die BnF bewahrt ein 1891 unter dem Titel Le Suprême conseil de la Rose-Croix veröffentlichtes Dokument auf. Es ist von der Exekutivkommission unterzeichnet: Stanislas de Guaita, Papus und F.-Ch. Barlet. Dieses Dokument bestätigt unmittelbar ihre Rolle in der Leitung des Ordens. Es ist besonders hilfreich, um die tatsächlich dokumentierten Strukturen von den nachträglich rekonstruierten rosenkreuzerischen Abstammungslinien zu unterscheiden.
Der Kabbalistische Orden vom Rosenkreuz ist nicht nachweislich die administrative Fortsetzung einer im 17. Jahrhundert gegründeten geheimen Bruderschaft. Es handelt sich um eine moderne Organisation, die sich auf das rosenkreuzerische Erbe beruft.
Unser Artikel Das Rosenkreuz, der Orden hinter den Symbolen ermöglicht es, die alten Manifeste von den Ende des 19. Jahrhunderts gegründeten Orden zu unterscheiden. 1887 lernt Oswald Wirth Guaita kennen und wird sein Sekretär.
Der junge Schweizer besitzt ein grafisches Talent, das sofort das Interesse des Okkultisten weckt. Guaita führt ihn an das Studium des Tarots, Éliphas Lévis und der Kabbala heran. Aus ihrer Zusammenarbeit entsteht eines der ersten modernen französischen esoterischen Tarotdecks. 1889 zeichnet Wirth unter der Leitung Guaitas zweiundzwanzig große Arkana, die vom Tarot de Marseille und den Entsprechungen Éliphas Lévis inspiriert sind.
Den Karten werden hebräische Buchstaben und mehrere esoterische Symbole hinzugefügt. Forschungen zum Wirth-Tarot zeigen, dass eine kleine, von Hand kolorierte Ausgabe hergestellt wird. Dieselbe Zusammenstellung wird anschließend in Papus’ Le Tarot des Bohémiens übernommen. Diese Unterscheidung ist wichtig.
Oswald Wirth zeichnet die Karten. Guaita übernimmt die Rolle des Auftraggebers, des symbolischen Leiters und des Interpreten. Unser Artikel Die Welt nach Oswald Wirth ermöglicht es, die Fortsetzung dieser Tradition nach Guaitas Tod zu verfolgen. Die Zusammenarbeit mit Péladan dauert nicht an.
Der künftige Sâr will ein ausdrücklich katholisches, ästhetisches und bestimmten Formen der operativen Magie gegenüber feindseliges Rosenkreuz. Guaita und Papus vertreten eine breitere, eklektischere und stärker auf das Studium der okkulten Wissenschaften ausgerichtete Richtung. Der Bruch wird um 1890-1891 offiziell. Die Beilage von L’Initiation vom August 1891 enthält einen sehr deutlichen Text.
Der Oberste Rat des Rosenkreuzes ordnet an, dass eine öffentliche Erklärung die Umstände von Péladans Rückzug und die Entstehung seines katholischen Rosenkreuzes erläutert. Das Dokument ist von Guaita, Papus, Barlet, Paul Adam, Julien Lejay und Oswald Wirth unterzeichnet. Die Trennung ist daher keine biografische Rekonstruktion: Sie wurde von den Protagonisten selbst öffentlich gemacht.
1891 erscheint Der Tempel des Satan, die erste Septimanie der Schlange der Genesis. Der Titel trägt wesentlich zu Guaitas beunruhigendem Ruf bei. Das Buch ist jedoch kein satanistisches Handbuch. Guaita versucht, die Lehren zu klassifizieren, die er mit schädlicher Magie, Behexung, psychischem Vampirismus und dem Problem des Bösen verbindet.
Guaitas Projekt ist moralistisch. Er stellt dem, was er als auf Erkenntnis ausgerichtete Hohe Magie betrachtet, eine entartete Magie gegenüber, die auf Herrschaft, Hass oder Zerstörung abzielt.
Diese Opposition geht weitgehend auf Éliphas Lévi zurück. Sie bleibt eine okkultistische Konstruktion des 19. Jahrhunderts und entspricht nicht unbedingt den Kategorien, die in älteren Grimoires verwendet werden.
Die Boullan-Affäre
Der Konflikt mit Joseph-Antoine Boullan ist die spektakulärste Episode seines Lebens. Boullan ist ein ehemaliger katholischer Priester, der sich in Lyon niedergelassen hat und mit religiösen Gruppen aus dem Umfeld von Eugène Vintras verbunden ist. Guaita und seine Vertrauten beschuldigen ihn sexueller, religiöser und magischer Praktiken, die sie für entartet halten. Boullan seinerseits stellt sich als Opfer okkulter Feinde dar.
Joris-Karl Huysmans lernt Boullan kennen und verwendet einen Teil der Informationen aus diesem Umfeld in seinem Roman Jenseits. Das Buch trägt zur Verbreitung eines mit Satanismus verbundenen Bildes des Pariser Okkultismus bei. Huysmans glaubt eine Zeit lang, dass Boullan von Guaita und seinen Verbündeten verfolgt wird. Nach Boullans Tod wird der Vorwurf erheblich schwerwiegender.
Boullan stirbt im Januar 1893 in Lyon. Jules Bois veröffentlicht in Gil Blas Texte, in denen er Guaita beschuldigt, durch okkulte Mittel zu seinem Tod beigetragen zu haben. Guaita antwortet öffentlich und schickt Huysmans und Bois seine Zeugen. Mit Huysmans endet die Angelegenheit mit einem Austausch von Zeugen: Ein Protokoll stellt klar, dass der Schriftsteller Guaitas persönliche Ehre nicht infrage stellt.
Jules Bois hält an seinen Anschuldigungen fest. Am 19. Januar 1893 treffen sich die beiden Männer zum Pistolenduell am Tour de Villebon im Wald von Meudon. Sie tauschen Schüsse aus, ohne verletzt zu werden. Der Vorfall ist gut dokumentiert und darf nicht mit den später hinzugefügten Erzählungen über verzauberte Pferde oder durch Magie aufgehaltene Kugeln verwechselt werden.
Spätere Berichte erzählen, die Pferde von Jules Bois hätten sich geweigert weiterzugehen, Fahrzeuge seien umgekippt oder Waffen auf mysteriöse Weise unbrauchbar gemacht worden. Diese Geschichten gehen auf Zeugenaussagen zurück, die von okkulten Deutungen geprägt waren.
Die historische Tatsache ist einfacher: Das Duell findet statt, die Schüsse verletzen niemanden, und anschließend legt sich die Kontroverse allmählich. Guaita lebt ebenfalls im Kontext der großen Mystifikation durch Léo Taxil.
Taxil erfindet in den 1890er-Jahren eine umfangreiche Geschichte über luziferische Freimaurerei, ein satanisches Palladium und dämonische Erscheinungen. Die Namen und Symbole tatsächlicher Okkultisten werden mit diesen Erfindungen vermischt. Diese Propaganda verstärkt die öffentliche Verwirrung zwischen Okkultismus, Freimaurerei, Rosenkreuzertum und Satanismus.
Der Schlüssel der Schwarzen Magie
1897 erscheint La Clef de la Magie Noire, die zweite Siebenheit des Serpent de la Genèse. Das Buch wird im Jahr seines Todes veröffentlicht. Darin greift Guaita die Themen des Bösen, der Entsprechungen, der Magie und der Symbole auf, mit einer noch umfassenderen Gelehrsamkeit als im vorherigen Band. Die BnF bewahrt diese Ausgabe aus dem Verlag Chamuel auf.
Eines der berühmtesten Bilder des modernen Okkultismus erscheint in La Clef de la Magie Noire. Ein Ziegenkopf ist in ein umgekehrtes Pentagramm gesetzt, zusammen mit den Namen Samael und Lilith sowie hebräischen Buchstaben, die den Namen Leviathan bilden. Dieses Bild steht unmittelbar mit der zuvor von Éliphas Lévi vorgeschlagenen Deutung des Pentagramms in Verbindung. Im 20. Jahrhundert wird es erneut verwendet und verändert.
Das 1897 veröffentlichte Bild besitzt noch nicht genau den Status, den es später haben wird. Im 20. Jahrhundert wird eine veränderte Version zum „Sigil of Baphomet“, das von Anton LaVeys Church of Satan verwendet wird.
Diese spätere Rezeption erklärt, warum Guaita heute in der populären Vorstellungswelt mit Satanismus verbunden wird. Sein eigenes Buch verwendet diese Figur jedoch, um die Umkehrung und die Magie darzustellen, die er als schlecht betrachtet; es handelt sich nicht um ein religiöses Emblem, das er für sich selbst übernommen hätte.
Guaita hatte eine umfangreichere Konstruktion vorgesehen. Au seuil du mystère sollte den Leser einführen; Le Serpent de la Genèse sollte anschließend mehrere große Teile entwickeln. Zu seinen Lebzeiten erscheinen nur zwei Siebenerzyklen: Le Temple de Satan 1891 und La Clef de la Magie Noire 1897. Sein Tod unterbricht das Projekt.
Fragmente und Entwürfe, die mit einer Fortsetzung verbunden sind, werden später von seinen Nachfolgern verwendet. Der zu Guaitas Lebzeiten veröffentlichte Zyklus wird nach seinem Tod durch Fragmente, Entwürfe und Rekonstruktionen seiner Nachfolger fortgesetzt - ein Zeichen für die Autorität, die sein unvollendetes Werk bereits erlangt hatte. Diese Unterscheidung ist wichtig, um nicht jede Formulierung, die mehrere Jahrzehnte nach seinem Tod unter seinem Namen erschien, dem Autor zuzuschreiben.
Guaita und die Kabbala
Die Kabbala nimmt in seinem System eine zentrale Stellung ein. Es handelt sich jedoch um westliche christliche und okkultistische Kabbala, die weitgehend von Éliphas Lévi, Fabre d’Olivet und anderen europäischen Autoren übernommen wurde.
Guaita repräsentiert die jüdische Tradition der Kabbala nicht in ihrer gesamten historischen Vielfalt. Unsere Einführung in die Kabbala unterscheidet diese christlichen und okkultistischen Rezeptionen von den jüdischen Quellen.
Guaita denkt die Welt als ein Gefüge von Beziehungen. Zahlen, Buchstaben, Planeten, Formen, göttliche Namen, Mythen und Symbole können miteinander in Beziehung gesetzt werden. Diese Logik der Entsprechungen ist charakteristisch für den Okkultismus des 19. Jahrhunderts. Sie erklärt sein gleichzeitiges Interesse an Tarot, Kabbala, Pentagrammen, Alchemie und heiligen Alphabeten.
Trotz der Satanismusvorwürfe bleibt Guaita einem christlichen Horizont verbunden. Er greift die Sprache des Falls, der Erlösung, Christi und des Kreuzes auf. Seine Kabbala ist weitgehend als esoterische Ergänzung einer christlichen Weltanschauung konzipiert. Diese Position bringt ihn Éliphas Lévi näher und entfernt ihn von der satanistischen Verwendung, die manche Symbole im 20. Jahrhundert erfahren werden.
Er unterhält auch enge Beziehungen zum Martinistenorden von Papus. Die nach seinem Tod veröffentlichten Dokumente von L’Initiation stellen ihn als wichtiges Mitglied der martinistischen Leitung dar.
Die Zeitschrift beschließt sogar im Januar 1898, dass die martinistischen Gruppen jedes Jahr am 19. Dezember seines Todes gedenken sollen. Diese Entscheidung zeigt die Bedeutung, die er im papusianischen Umfeld erlangt hatte.
Paul Sédir gehört zur jüngeren Generation, die von dem von Guaita und Papus geschaffenen Umfeld profitiert. Dank dieses Netzwerks erhält er Zugang zu Büchern, Zirkeln und Lehren. Der Fall Sédir zeigt auch, dass Guaitas Erbe nicht einheitlich ist: Einige Schüler führen Magie und Kabbala fort, andere entfernen sich schließlich von den Orden.
Ein sehr zurückgezogenes Privatleben
Guaita gründet keine Familie und bleibt unverheiratet. Er teilt seine Zeit zwischen Paris, seinen Büchern, seinen Korrespondenten und dem Familienanwesen in Alteville. Die Erinnerungen von Barrès und Wirth beschreiben einen großzügigen Mann gegenüber seinen Freunden, der jedoch stark vom Studium in Anspruch genommen wird. Dieses vergleichsweise zurückgezogene Leben steht im Kontrast zu der Öffentlichkeit, die den okkultistischen Streitigkeiten zuteilwird.
Der Konsum von Substanzen gehört zu seiner Biografie und darf nicht verschwiegen werden. Quellen des 20. Jahrhunderts beschreiben ihn als Morphinisten, und die Sozialgeschichte der Drogen im 19. Jahrhundert führt ihn unter den Schriftstellern an, die vom Morphinkonsum betroffen waren.
Er kennt auch Kokain und andere damals verfügbare Stimulanzien. Es wäre jedoch gewagt, jede Studiennacht oder jede Seite seines Werkes unmittelbar als Folge einer Droge zu deuten.
In seinen letzten Jahren verschlechtert sich sein körperlicher Zustand erheblich. Er kehrt immer häufiger zum Familienschloss zurück. Die Abhängigkeit von Narkotika hat wahrscheinlich eine wichtige Rolle bei dieser Verschlechterung gespielt. Das Fehlen einer vollständigen Krankenakte erfordert jedoch Vorsicht hinsichtlich des genauen Mechanismus seines Todes.
Gestorben am 19. Dezember 1897
Stanislas de Guaita stirbt am 19. Dezember 1897 im Alter von sechsunddreißig Jahren. Die Quellen zum Schloss Alteville und zeitgenössische biografische Einträge verorten seinen Tod auf dem Familienanwesen.
Die okkultistische Presse kündigt umgehend den Tod eines ihrer wichtigsten Organisatoren an. L’Initiation veröffentlicht bereits im Januar 1898 Beschlüsse des Martinistenordens zu Gedenkveranstaltungen.
Das kleine Buch von Maurice Barrès erscheint 1898 mit einem aufgedruckten Titel, der „1861-1898“ angibt. Das korrekte Todesdatum ist jedoch der 19. Dezember 1897. Dieser alte Druckfehler erklärt, warum 1898 noch immer in Sekundärquellen zu finden ist. Moderne Einträge geben 1861-1897 an.
Nach Guaitas Tod wird seine okkulte Bibliothek verkauft. Der Dorbon-Katalog von 1899, herausgegeben von René Philipon, wird selbst zu einem bedeutenden Dokument der esoterischen Bibliografie. Die Wellcome Collection bietet heute eine vollständige Digitalisierung unter einer Public-Domain-Kennzeichnung an. Diese Zerstreuung ermöglichte paradoxerweise eine sehr genaue Kenntnis des Umfangs seiner Lektüre.
Der Katalog umfasst 2 227 Lose. Für Historiker der Esoterik stellt er eine regelrechte Momentaufnahme dessen dar, was ein französischer Okkultist Ende des 19. Jahrhunderts zu sammeln versuchen konnte.
Es ermöglicht auch, die Ausgaben zu identifizieren, die Guaita tatsächlich einsehen konnte. Diese Angabe ist weitaus belastbarer als die vagen Erzählungen, nach denen er angeblich alle geheimen Grimoires Europas besessen habe.
1898 veröffentlicht Maurice Barrès Un rénovateur de l’occultisme. Der Text enthält zwei fotografische Porträts und mehrere persönliche Erinnerungen. Barrès betont Guaitas Freundschaft, Poesie, Sinn für das Universelle und Schaffenskraft. Die doktrinäre Bewertung des Okkultismus überlässt er bewusst dessen Schülern.
Oswald Wirth ist wahrscheinlich einer der wichtigsten Zeugen der okkultistischen Epoche. Als Sekretär, Zeichner und Mitarbeiter arbeitet er auch nach 1897 weiter über Tarot, Freimaurerei und Symbolismus. Sein späteres Werk Tarot des imagiers du Moyen Âge bewahrt einen Teil des von Guaita übernommenen Erbes und wandelt es zugleich um. Er wird außerdem Erinnerungen an seinen früheren Meister veröffentlichen.
Papus setzt seinerseits die Entwicklung des Martinismus und der okkultistischen Strukturen fort. Guaita hatte zu ihrer Zusammenarbeit eine Bibliothek, doktrinäre Autorität und eine eher aristokratische Herangehensweise an das Studium beigetragen. Papus verwandelt dieses Erbe in Kurse, Zeitschriften und internationale Netzwerke. Die okkultistische Erneuerung im Frankreich der Belle Époque verdankt dieser Ergänzung viel.
Nein, wenn der Begriff die Zugehörigkeit zu einer satanistischen Religion oder die Verehrung Satans bezeichnet. Seine Bücher befassen sich ausführlich mit Satan, Dämonen, dem Bösen und der Schwarzen Magie. Sie tun dies jedoch aus einer Perspektive, die diese Praktiken verurteilt und sie in eine christliche Kosmologie einzuordnen sucht. Die Anschuldigungen des Satanismus gehen größtenteils auf die Auseinandersetzungen mit Boullan, Huysmans und Jules Bois sowie auf die Kampagnen des späten 19. Jahrhunderts zurück.
Der Tempel Satans und Der Schlüssel zur Schwarzen Magie sind spektakuläre Titel. Sie wurden als Versprechen verbotener Offenbarungen gelesen. Guaita spielt sicherlich mit dieser Wirkung. Doch die Lektüre der Werke zeigt weit eher den Willen zur Klassifizierung und moralischen Verurteilung als ein Handbuch zur Ausübung des Satanismus.
Die Geschichte des Pentagramms mit dem Ziegenkopf fasst Guaitas Nachwirkung treffend zusammen. Er veröffentlicht ein Bild, das die Umkehrung einer spirituellen Ordnung darstellen soll. Mehr als sechzig Jahre später wird eine veränderte Version zum positiven Symbol einer modernen satanistischen Organisation. Ein und dieselbe Zeichnung erfüllt je nach dem Kontext, in dem sie übernommen wird, also eine völlig andere Funktion.
Guaita und die Geschichte des französischen Okkultismus
Seine Rolle lässt sich mit der eines Brückenbauers vergleichen. Er übernimmt das Erbe von Éliphas Lévi, Fabre d’Olivet und Saint-Yves d’Alveydre. Er gibt es an Papus, Wirth, Sédir und die rosenkreuzerischen Netzwerke der Belle Époque weiter. Unser Dossier Der Okkultismus, eine Geschichte Frankreichs ermöglicht es, diese Rolle in einen größeren Zusammenhang einzuordnen.
Guaita stirbt, bevor er sein großes Projekt vollenden kann. Er ist erst sechsunddreißig Jahre alt. Sein Denken bleibt daher mit unvollständigen Büchern, laufenden Projekten und Institutionen verbunden, die ihn überdauern werden. Dieser frühe Tod begünstigte auch das Bild eines „unterbrochenen Magiers“, das seine Anhänger nach 1897 weiter pflegen sollten.
Seine Werke sollten nicht als neutrale historische Handbücher über die Kabbala, Grimoires oder Hexerei gelesen werden. Sie zeigen, wie ein französischer Okkultist des späten 19. Jahrhunderts sehr viel ältere Traditionen durch Éliphas Lévi und die christliche Kabbala neu interpretiert.
Ihr Wert ist daher doppelt: doktrinärer Inhalt und Dokument einer Epoche. Sie sind besonders nützlich, wenn man sie mit den alten Ausgaben vergleicht, die sich in seiner eigenen Bibliothek befinden.
Quellen und Orientierung
Die Bibliothèque nationale de France verzeichnet das Werk von Stanislas de Guaita und bestätigt seine Publikationschronologie: Oiseaux de passage 1881, La Muse noire 1883, Rosa mystica 1885, Au seuil du mystère, Le Temple de Satan 1891 und La Clef de la Magie Noire 1897.
Das Dokument Le Suprême conseil de la Rose-Croix, 1891 veröffentlicht und in der BnF aufbewahrt, ist von Stanislas de Guaita, Papus und F.-Ch. Barlet unterzeichnet. Es stellt eine bedeutende Primärquelle für die Geschichte des Kabbalistischen Ordens vom Rosenkreuz dar.
Der Bruch mit Péladan lässt sich auch in der Beilage von L’Initiation vom 5. August 1891 nachvollziehen, die von Guaita, Papus, Barlet, Paul Adam, Julien Lejay und Oswald Wirth unterzeichnet wurde. Dieser Text fordert dazu auf, die Umstände der Trennung der beiden Rosenkreuzer öffentlich zu klären.
Maurice Barrès, Un rénovateur de l’occultisme, Chamuel, 1898, ist nach wie vor eines der wichtigsten persönlichen Zeugnisse. Barrès erzählt darin von ihrer Jugend und veröffentlicht zwei Porträts Guitas.
Der Katalog Stanislas de Guaita et sa bibliothèque occulte, Paris, Dorbon, 1899, wird von der Wellcome Collection online aufbewahrt. Er verzeichnet 2.227 Lose und ermöglicht es, Guitas literarische Welt unmittelbar zu rekonstruieren.
Schließlich ist die auf dem Einband verwendete Fotografie ein authentisches Bild, das vor 1897 aufgenommen und in Barrès’ Werk veröffentlicht wurde. Wikimedia Commons stuft es in Frankreich als gemeinfrei ein.































Assez bref et néanmoins, à ce qu’ il me semble, complet.
Pour un néophyte absolu, quel serait le premier ouvrage
à lire dans ce domaine ?
Merci.