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Was genau ist Magnetismus?

Was genau ist Magnetismus?

Seit beinahe Anbeginn der Zeit fasziniert der Magnetismus die Menschen als unsichtbare Kraft, die die materielle mit der spirituellen Welt verbindet. Zunächst anhand des Magnetsteins beobachtet, der Eisen anziehen konnte, nährte dieses Phänomen Mythen und heilige Praktiken. Von den Priestern der Antike bis zu den Heilern unserer ländlichen Gegenden schrieb man dieser Energie seltsame Kräfte zu – bald zum Heilen, bald zum Verzaubern. Doch was ist er wirklich? Und woher kommt er? Hier sind die Antworten.

Magnetische Steine und unsichtbare Kraft

Die ersten Zeugnisse des Magnetismus im Westen reichen bis in die griechisch-römische Antike zurück. Die Griechen hatten in Kleinasien besondere Steine entdeckt – Magnetit –, die Eisen anziehen konnten. Eine von Plinius dem Älteren überlieferte Legende erzählt von einem jungen Hirten namens Magnes, dessen mit Nägeln beschlagene Sandalen und Eisenstab von einem unsichtbaren Felsen angezogen wurden: So soll er den ersten Magnetstein entdeckt haben. Dieser „magnes“ – benannt nach der Region Magnesia – gab dem Phänomen seinen Namen. Die Denker der Antike sahen darin mehr als eine mineralische Kuriosität. Der Philosoph Thales von Milet behauptete im 6. Jahrhundert v. Chr., der Magnet sei mit einer Seele ausgestattet, weil er unbelebte Gegenstände bewegen könne. Damit verlieh er diesem Stein, der scheinbar aus eigenem Willen handelte, eine lebendige und spirituelle Dimension.

Diese Begeisterung für die Kräfte des Magneten zeigt sich in den zahlreichen Namen und Symbolen, mit denen man ihn schmückte. Die Griechen nannten ihn „Stein des Herkules“, in Anspielung auf den für seine Stärke berühmten Helden, denn sie waren von der Anziehungskraft des Magneten tief beeindruckt. Tatsächlich rankt sich eine ganze Mythologie um den Magneten: Man erzählt, es gebe magnetische Inseln, die mit Eisen beladene Schiffe anziehen könnten, oder Menschen seien mit ihren eisenbeschlagenen Schuhen am Boden festgenagelt worden, wenn der Untergrund reich an Magnetit war. Auch angesehene Autoren der Antike wie Plutarch oder Ptolemäus verbreiteten seltsame Rezepte im Zusammenhang mit dem Magneten: So sollte das Reiben eines Magneten mit Knoblauch dazu führen, dass er seine Kraft verlor, während das Eintauchen in Ziegenblut sie ihm augenblicklich zurückgeben sollte. Diese Jahrhunderte später von Gelehrten überlieferten Vorstellungen zeigen, wie sehr der Magnetismus des Steins seit der Antike die Fantasie und geheimnisvolle Praktiken beflügelte.

Was ist Magnetismus genau?

Magnetit

Neben den Legenden wurden dem Magneten auch ganz konkrete, insbesondere therapeutische Kräfte zugeschrieben. Ärzte der Antike verwendeten den Magnetstein, um bestimmte Beschwerden zu lindern. Aristoteles selbst erwähnt die schmerzlindernde und wundheilende Wirkung des Magneten, der nicht nur Schmerzen lindern, sondern auch Eisensplitter wie Pfeilspitzen aus dem Körper und aus Verletzungen entfernen könne. Ebenso wurde der Heilgott Asklepios (Äskulap) mit diesen wohltuenden Eigenschaften des Herkulessteins in Verbindung gebracht. Im alten Ägypten diente Magnetit als schützendes Amulett; die Priester betrachteten ihn als Talisman, der wohltätige Kräfte auffing und schädliche Einflüsse abwehrte.

Diese doppelte Bestimmung des Magneten – zugleich magisch und heilend – verkörpert sich in zahlreichen historischen Anekdoten. Königin Kleopatra VII., die letzte Pharaonin Ägyptens, galt als sehr an den okkulten Wissenschaften ihrer Zeit interessiert. Der Überlieferung zufolge trug sie ein Schmuckstück aus Magnetstein auf der Stirn, um ihre Schönheit zu bewahren und Falten zu vermeiden, überzeugt von der Fähigkeit dieses Steins, die Jugendlichkeit ihrer Haut zu erhalten. Mehr noch: Man sagt, sie habe auf einem mit Magnetsteinen ausgelegten Bett geschlafen, um ihren Körper in dieser wohltuenden magnetischen Wirkung zu baden. Auch Hippokrates – der Vater der griechischen Medizin – soll Magnetit zur Behandlung bestimmter Beschwerden, etwa Unfruchtbarkeit, eingesetzt haben. Dies zeigt, dass die Vorstellung eines heilenden Magnetismus bereits bei den Gelehrten der Antike vorhanden war.

So erscheint der Magnet im westlichen Altertum als Berührungspunkt zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren. Bald als Werkzeug der Mythen – das Seefahrer leitete und vor okkulten Kräften schützte –, bald als Heilmittel symbolisiert er eine universelle Energie der Anziehung und Harmonie. Was die Griechen nur undeutlich erahnten – eine einzige Kraft, die aus der Ferne wirken, den Körper heilen und die Seele beeinflussen kann –, sollte die Zeitalter überdauern und sich im Laufe der esoterischen Traditionen weiterentwickeln.

Die Wiederentdeckung des Magnetismus in der Renaissance

Nach dem Mittelalter, das vom Magneten vor allem seine Bedeutung für Kompass und Seefahrt bewahrt hatte, erwachte in der Renaissance das Interesse am Magnetismus als okkulter Kraft neu. Hermetische Denker und Alchemisten des 16. Jahrhunderts integrierten den Magneten und seine seltsame Wirkung in ihre Vorstellung vom Kosmos. Zu ihnen gehörte der Schweizer Arzt und Philosoph Paracelsus (1493–1541), der eine maßgebliche Rolle spielte. Überzeugt davon, dass der Mensch ein den Makrokosmos widerspiegelnder Mikrokosmos sei, beschrieb Paracelsus die Natur als von einer unsichtbaren universellen Flüssigkeit durchzogen, die Gestirne, Erde und Lebewesen miteinander verbindet. Er bezeichnete diese Energie ausdrücklich als Magnetismus. Seiner Auffassung nach ist jeder Mensch von einer magnetischen Flüssigkeit durchdrungen, die aus dem Kosmos stammt und in seinem Körper zirkuliert, wobei sie – ähnlich wie bei einem Magneten – Pole bildet. Der menschliche Körper besitze demnach einen positiven Pol, der mit den himmlischen Einflüssen verbunden ist, und einen negativen Pol, der in den irdischen Elementen verankert ist; Gesundheit entstehe aus dem Gleichgewicht dieser Kräfte. Paracelsus erklärt: „Der Mensch ist mit dieser besonderen, aus dem Makrokosmos hervorgehenden Flüssigkeit ausgestattet … einer Energie, die man als Magnetismus bezeichnet.“ Er erwog sogar, bestimmte Schadenszauber oder Verzauberungen durch diese magnetische Wirkung zu erklären: Der Wille eines Zauberers könne aus der Ferne auf den „spirituellen Körper“ eines Opfers einwirken, als würde man einen Gegenstand magnetisieren, und so ohne körperlichen Kontakt reale Wirkungen hervorrufen. Für ihn gehörte diese unsichtbare Verbindung zwischen den Wesen zu derselben Naturwissenschaft, die Ärzte nicht vernachlässigen dürften, denn den Magnetismus zu verstehen bedeute, einen der Schlüssel zum Leben zu kennen.

Im Renaissancezeitalter wurde der Magnetismus so zu einer Brücke zwischen der aufkommenden Wissenschaft und der alten Magie. Gelehrte erforschten seine physikalischen Erscheinungsformen und bewahrten zugleich einen mystischen Blick darauf. Der englische Arzt William Gilbert untersuchte im Jahr 1600 die Magnete systematisch und vertrat die Ansicht, dass die Erde selbst ein gigantischer Magnet sei. Doch er ging noch weiter und vermutete, dass dieser „magnetische Atem“ die Bewegungen der Planeten besser als die Schwerkraft erklären könnte. In seinem Werk De Magnete spricht Gilbert von „magnetischen Geistern“, die von der Sonne und den Gestirnen ausgingen und den Kosmos wie einen lebendigen Organismus beseelten. Diese nahezu animistische Vorstellung vom kosmischen Magnetismus löste leidenschaftliche Debatten aus. Die Kirche zeigte sich misstrauisch und befürchtete, man könne Naturgesetze mit heidnischen Seelen verwechseln. Der deutsche Jesuit und Gelehrte Athanasius Kircher veröffentlichte 1667 Das magnetische Reich der Natur, um eine christliche Sicht des Phänomens vorzuschlagen. Er akzeptierte darin die Vorstellung einer magnetischen Bewegung im Himmel, die die Gestirne miteinander verbindet, lehnte es jedoch ab, der Erde eine „magnetische Seele“ zuzuschreiben, um die Orthodoxie zu wahren. Dennoch feierte Kircher den Magnetismus als Symbol der universellen Harmonie: Das Frontispiz seines Buches zeigt eine große magnetische Kette der Wesen, die in den Wolken von Gott gehalten wird und deren unteres Ende die Erde berührt. Die Glieder dieser Kette sind nicht miteinander verbunden, sondern halten sich allein durch ihre Anziehungskraft – ein Bild für die Vorstellung, dass der göttliche Wille die Welt magnetisiert, um ihren Zusammenhalt zu sichern. Dieses eindrucksvolle Bild der „magnetischen Kette“ bringt die Denkweise jener Zeit zum Ausdruck: Magnetismus galt als der geheime Kitt des Universums, als feinstoffliche Flüssigkeit, durch die der Schöpfer jedes Ding in der großen Hierarchie der Schöpfung miteinander verband.

Neben den kosmischen Spekulationen blieb der Magnetismus ein konkretes Werkzeug der Heilung und des Geheimnisvollen. Im 17. Jahrhundert griff der flämische Arzt Jan Baptista van Helmont das Erbe des Paracelsus auf. 1621 veröffentlichte er eine Abhandlung über die cura magnetica – die „magnetische Heilung von Wunden“ –, in der er die Wirksamkeit einer Fernbehandlung verteidigte, bei der eine Salbe auf die Waffe aufgetragen wurde, die die Wunde verursacht hatte, statt auf die Wunde selbst. Dieser berühmte Sympathiebalsam beruhte seiner Ansicht nach auf einer magnetischen Wirkung: Verletzung und Waffe blieben durch eine unsichtbare Flüssigkeit miteinander verbunden. Van Helmont schockierte die Inquisition, indem er andeutete, dass sogar die Reliquien der Heiligen nicht durch ein göttliches Wunder, sondern dank eines natürlichen magnetischen Einflusses heilen könnten, den sie auf die Gläubigen ausübten. Seine von Kritik an den jesuitischen Scholastikern geprägten Schriften brachten ihm ein zwanzigjähriges Verfahren vor kirchlichen Gerichten ein. Dies zeigt deutlich, dass der Magnetismus als „natürliche“ Kraft mit außergewöhnlichen Wirkungen die Grenzen zwischen Wissenschaft, Glauben und Magie ins Wanken brachte. An der Schwelle zur Aufklärung war die Vorstellung, dass eine unsichtbare Flüssigkeit die Welt und den menschlichen Körper durchströme, für Erneuerer gleichermaßen faszinierend wie für religiöse Autoritäten beunruhigend. Diese magnetische Flüssigkeit, so begann man zu ahnen, könnte die Energie des Lebens selbst sein, ein Schlüssel zu den Geheimnissen der Natur – eine Perspektive, die den Weg für Entdeckungen, aber auch für Kontroversen ebnete.

Mesmer und der „animalische Magnetismus“ im Zeitalter der Aufklärung

Im 18. Jahrhundert verließ der Magnetismus die esoterischen Kreise und wurde zu einer regelrechten Modeerscheinung der Gesellschaft, verkörpert durch den charismatischen Franz-Anton Mesmer. Der aus Wien stammende und in Paris ansässige Arzt knüpfte an die früheren Vorstellungen an – an die Flüssigkeiten des Paracelsus und die Experimente Van Helmonts –, um seine eigene Theorie zu entwickeln, die er animalischen Magnetismus nannte, im Gegensatz zum rein mineralischen Magnetismus des Magneten. Nach Mesmers Auffassung gibt es eine universelle magnetische Flüssigkeit, die Luft, Gestirne und Lebewesen durchdringt und deren Ungleichgewichte im menschlichen Körper Krankheiten verursachen. Die Aufgabe des Heilers besteht daher darin, den harmonischen Fluss dieser Lebensflüssigkeit im Körper des Patienten wiederherzustellen. Mesmer postulierte, dass bestimmte Menschen – darunter er selbst – über eine besonders starke natürliche magnetische Kraft verfügten und diese Flüssigkeit allein durch ihren Willen und das Auflegen der Hände in andere Menschen lenken könnten, um sie zu heilen.

Was ist Magnetismus genau?

Franz-Anton Mesmer

Ab den 1770er- und 1780er-Jahren setzte Mesmer seine Vorstellungen in Paris in die Praxis um und löste eine außergewöhnliche Begeisterung aus. In luxuriösen Salons veranstaltete er Gruppensitzungen um eine seltsame Vorrichtung: das berühmte Mesmer’sche Baquet. Dabei handelte es sich um ein großes, rundes Gefäß, das mit Wasser und Eisenfeilspänen gefüllt und mit gebogenen Eisenstäben verbunden war, die die ringsum sitzenden Patienten hielten oder an die erkrankten Körperstellen legten. Mesmer behauptete, dieses Baquet zu „magnetisieren“, indem er seine persönliche Flüssigkeit hineinleitete und so Wasser und Metall in Speicher des Magnetismus verwandelte. Zum Klang einer Glasharmonika, eines Musikinstruments, das betörende Schwingungen erzeugt, bewegte sich der Therapeut zwischen den Patienten und führte magnetische Streichbewegungen aus – große Handbewegungen wenige Zentimeter vom Körper entfernt –, um die Flüssigkeit zu verteilen und energetische Blockaden aufzulösen. Die Wirkungen ließen nicht lange auf sich warten: Viele Patienten gerieten in eine magnetische Krise, eine Art krampfartige Trance, begleitet von Schweiß, Lachen oder befreiendem Weinen. Mesmer sah in diesen Krisen den Beweis dafür, dass die Flüssigkeit gerade die Lebenskräfte neu ausrichtete und die Krankheiten ausstieß. Berichte erzählen von spektakulären Heilungen bei Lähmungen, hysterischer Blindheit und chronischen Schmerzen, die der Wirkung dieses heilenden Magnetismus zugeschrieben wurden.

Was ist Magnetismus genau?

Das magnetische Baquet von Mesmer (Stich, 1780)

Mesmers gesellschaftlicher Erfolg war so groß, dass man zu seinen Sitzungen strömte wie zu Theateraufführungen. Persönlichkeiten aus Adel und Oberschicht nahmen begeistert am Ritual des Baquets teil, um eine Erfahrung an der Grenze zwischen Wissenschaft und Wunderbarem zu erleben. Für viele hatte Mesmer einer Naturmagie, die man längst vergessen glaubte, zu neuem Ansehen verholfen. Er sprach über sein System in wissenschaftlichen Begriffen und versuchte zu überzeugen, dass diese magnetische Flüssigkeit im Grunde nur eine feine physikalische Kraft sei, vergleichbar mit Elektrizität oder Gravitation, die die Wissenschaft eines Tages messen würde. Insgeheim raunte jedoch die ganze Stadt über das magische Auftreten des Arztes, seinen durchdringenden Blick und die beinahe beschwörenden Bewegungen seiner Hände. Mesmer selbst, in seinen Erfolg gehüllt, schien zwischen der Rolle des aufgeklärten Arztes und der des Wundertäters zu schwanken. Er empfahl seinen Patienten, sich in einen empfänglichen, beinahe gläubigen Zustand zu versetzen, um die Flüssigkeit besser aufzunehmen – ein Vorgehen, das eher der spirituellen Heilung als der klassischen medizinischen Behandlung entsprach.

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Der animalische Magnetismus. Quelle: SSEDS

Seine Schüler und Nachfolger vertieften die mystische Dimension des Magnetismus noch weiter. 1784 entdeckte der Marquis de Puységur, einer seiner Schüler, zufällig, dass er einen jungen Bauern durch Magnetisieren in einen Zustand klaren Somnambulismus versetzen konnte. Der Patient Victor, scheinbar eingeschlafen, begann zu sprechen, Fragen zu beantworten und seltsame Einsichten in seine eigene Krankheit zu zeigen – als könne er in sich selbst hineinblicken. Dieser „magnetische Schlaf“ ohne Krämpfe, in dem die betreffende Person wie ein Medium handelt, eröffnete neue Perspektiven. Puységur und andere Magnetiseure erforschten dieses Trancephänomen, das angeblich Zugang zum Geist des Kranken und sogar zu verborgenem Wissen ermöglichen sollte. Schon bald erkannte man, dass der Magnetismus nicht nur der Heilung des Körpers diente: Er konnte auch unerklärliche psychische Fähigkeiten wie Hellsehen oder Gedankenlesen wecken. Der animalische Magnetismus wurde so bereits gegen Ende des 18. Jahrhunderts zu einer Brücke zur Erforschung der Seele und des Paranormalen.

Natürlich verlief dieser Aufstieg des Magnetismus nicht ohne Kritik. Die Universitätsmediziner und die Vertreter der siegreichen Vernunft der Aufklärung betrachteten diese Experimente, die theatralische Krisen, Mystik und den völligen Mangel an greifbaren Beweisen miteinander verbanden, mit Argwohn. Auf Anordnung König Ludwigs XVI. untersuchte eine königliche Kommission, der unter anderem Benjamin Franklin und Antoine Lavoisier angehörten, Mesmers Praktiken. Ihr 1784 veröffentlichter Bericht kam zu dem Schluss, dass die beobachteten Wirkungen real seien, jedoch eher auf Einbildungskraft und Suggestion als auf einer unbekannten Flüssigkeit beruhten. Mesmer fühlte sich verletzt und verließ Frankreich kurz darauf. Das spielte keine Rolle mehr: Der animalische Magnetismus hatte sich in der volkstümlichen und gelehrten Kultur festgesetzt, und zahlreiche Magnetiseure setzten sein Werk in ganz Europa fort. In Frankreich bewahrten und veränderten Anhänger wie Baron Du Potet, Doktor Deleuze oder Abbé Faria um die Wende zum 19. Jahrhundert das mesmerische Erbe. Die magnetische Flüssigkeit fand Eingang in die medizinische und okkulte Literatur – bald, um ihre Wunder zu preisen, bald, um sie lächerlich zu machen. Wie dem auch sei: Es wurde unmöglich, diese seltsame Kraft zu ignorieren, die Leidenschaften entfachte und den klassischen Erklärungen zu trotzen schien.

Magnetismus, Magie und Esoterik

Das 19. Jahrhundert war in Frankreich eine Übergangszeit, in der der Magnetismus an der Kreuzung zwischen der entstehenden Wissenschaft der Psyche, der nicht konventionellen Medizin und der magischen Tradition stand. Während die ersten Hypnotiseure – James Braid sollte die Praxis um 1843 in „Hypnose“ umbenennen – nach einer rationalen Erklärung für den magnetischen Schlaf suchten, ergriff eine starke esoterische Strömung den Magnetismus und integrierte ihn in eine umfassendere Sicht des Okkultismus. Es war die Zeit, in der der Magnetismus offen mit der Spiritualität flirtete: Man sprach nicht mehr nur davon, Körper zu heilen, sondern auch davon, Seelen einzuweihen und unsichtbare Welten zu erforschen.

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Werk Dogma und Ritual der Hohen Magie, Éliphas Lévi

1853 veröffentlichte der französische Esoteriker Éliphas Lévi sein Werk Dogma und Ritual der Hohen Magie. Mit den magnetischen Vorstellungen vertraut, setzte Lévi Mesmers magnetische Flüssigkeit mit dem „Astrallicht“ gleich, jener allgegenwärtigen okkulten Energie, die er als das große universelle magische Agens betrachtete. Seiner Ansicht nach ist das Astrallicht ein feiner Äther, der alle Bilder und Einflüsse speichert und durch den sowohl zeremonielle Magie als auch magnetische Phänomene wirken. In bildhafter Sprache schreibt er: „Die Welt wird durch das Licht der Sonne magnetisiert, und wir werden durch das Astrallicht der Welt magnetisiert. … Wir haben in uns drei Zentren der Flüssigkeitsanziehung: das Gehirn, das Herz und das Geschlechtsorgan … durch diese Organe kommunizieren wir mit der universellen Flüssigkeit, die durch das Nervensystem in uns übertragen wird.“ Wie man sieht, vermischt Lévis Sprache das Vokabular des Magnetismus mit jenem der kabbalistischen Magie. Unter seiner Feder ist der Magnetismus nichts Geringeres als eine ursprüngliche kosmische Kraft, die der Magier durch seinen Willen aufnehmen und lenken kann, um das hervorzubringen, was man einst Wunder nannte. Andere Okkultisten wie Baron du Potet, der die Revue du Magnétisme leitete, oder später Papus führten diese Vorstellung fort, indem sie den Magnetismus zum Eckpfeiler einer wiederentdeckten „heiligen Wissenschaft“ machten. Der Magnetismus wurde damit zu einem Initiationswerkzeug: Es ging nicht nur darum zu heilen, sondern den Magnetisierten zu höheren Bewusstseinsebenen zu erheben.

Diese Gleichsetzung des Magnetismus mit der alten Magie gefiel keineswegs allen. Religiöse Institutionen, insbesondere die katholische Kirche, waren alarmiert. Katholische Autoren des 19. Jahrhunderts verfassten scharfe Pamphlete gegen den Magnetismus und den aufkommenden Spiritismus. Für einen Apologeten wie Roger Gougenot des Mousseaux war die magnetische Flüssigkeit nur eine neue Erscheinungsform des Okkulten: „Der Magnetismus ist die moderne Form der Magie. Als unmittelbare Ursache sowohl der tanzenden Tische als auch der medialen Phänomene ermöglicht er dem Magnetisierten, außergewöhnliche Kräfte zu erlangen“, empörte er sich und schlussfolgerte, dass solche Kräfte zwangsläufig das Eingreifen des Dämons voraussetzten. Diese extreme Sichtweise – in jedem Magnetiseur einen ahnungslosen Zauberer zu sehen – verdeutlicht, wie dauerhaft die Angst vor dem Magnetismus war. Tatsächlich verwischten einige Vorführungen jener Zeit die Grenze zwischen Wissenschaft und Übernatürlichem. Bei Sitzungen mit tanzenden Tischen, den Vorläufern des Spiritismus um 1850, stellten viele fest, dass die Anwesenheit eines magnetisierten Mediums die unerklärlichen Bewegungen und die Kommunikation mit dem Jenseits erheblich erleichterte. Man sprach sogar von „odischer Kraft“ oder „psychischer Flüssigkeit“, um diese verwirrende Energie zu beschreiben, die von Magnetiseuren und Medien erzeugt wurde. In den Augen der Gläubigen konnte diese Kraft ebenso gut eine göttliche Gabe sein, wenn man in ihr ein Mittel sah, die Seele zu lindern und zu erhellen, wie eine teuflische Versuchung, wenn man befürchtete, sie könne dazu dienen, schädliche Geister herbeizurufen. Wie dem auch sei: Der Magnetismus hatte sich dauerhaft in der Kulturlandschaft etabliert. Er wurde von neugierigen Ärzten untersucht, von modernen Heilern praktiziert, von Spiritisten angerufen und von Moralisten bekämpft – ein Zeichen dafür, dass er zu einem echten gesellschaftlichen Phänomen geworden war.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts versuchten einige, den Magnetismus mit der Wissenschaft zu versöhnen, indem sie ihn seines übernatürlichen Nimbus beraubten. In Frankreich gründeten Persönlichkeiten wie Hector Durville und seine Familie Schulen für Magnetismus. Sie schlugen einen „experimentellen und therapeutischen“ Ansatz vor und versuchten, den Magnetismus als Ergänzung zur offiziellen Medizin zu etablieren, ohne auf spiritistische Erklärungen zurückzugreifen. Doch selbst Durville räumte schließlich ein, dass es einen „transzendentalen Magnetismus“ gebe, der über den rein physikalischen Rahmen hinausreiche: eine okkulte Dimension der magnetischen Flüssigkeit, die das „höhere Leben, das unveränderliche Unendliche“ berühre und eher einer heiligen als einer materiellen Wissenschaft angehöre. Trotz aller Bemühungen, den Magnetismus zu „rationalisieren“, blieb sein Geheimnis bestehen. Diese Kraft blieb schwer fassbar: Bald maß man sie vielleicht in Mesmerismen, Streichbewegungen oder Dynes, bald sah man in ihr die Substanz der Träume und der Weltseele selbst.

Welcher Magnetismus heute?

Der Magnetismus als Praxis hat alle modischen Schwankungen und Kritiken überlebt und sich dauerhaft in den westlichen Volkstraditionen verankert. Besonders in Frankreich gehört er bis heute zur Landschaft der traditionellen Heilmethoden. Auf dem Land ist die Gestalt des Magnetiseurs und Heilers weiterhin vertraut und angesehen. Seit dem 19. Jahrhundert und schon lange davor widmen sich Menschen mit einer „Gabe“ der Aufgabe, ihren Mitmenschen durch Handauflegen, Gebet und die Übertragung der Lebensflüssigkeit Linderung zu verschaffen. Je nach Region nennt man sie Toucheurs, Heiler oder sie sind auf bestimmte Tätigkeiten spezialisiert, etwa als Feuerlöscher – jene, die Verbrennungen sofort lindern. Diese eher zurückhaltenden Praktizierenden verkörpern das unmittelbare Erbe von Mesmers animalischem Magnetismus, bereichert durch lokale Einflüsse. Sie sprechen nicht immer ausdrücklich von „Magnetismus“, erwähnen jedoch gern eine universelle Energie oder göttliche Kraft, die durch ihre Hände fließt.

Auch heute ist es nicht ungewöhnlich, in einem bretonischen Dorf oder einer Kleinstadt des Zentralmassivs einem Magnetiseur zu begegnen, an den man sich wendet, wenn die klassische Medizin machtlos oder zu langwierig ist. Tausende Franzosen suchen sie auf, um das Feuer einer Strahlentherapie zu löschen, Gürtelrose zu lindern, hartnäckige Schmerzen zu beruhigen oder die Nerven wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Weit davon entfernt, als bloßer Aberglaube abgetan zu werden, wird der Magnetismus weiterhin mit Hingabe und Bescheidenheit praktiziert. Er passt sich den modernen Bedürfnissen an und bewahrt dabei sein spirituelles Wesen. Im ganzen Land finden sich Praktizierende, jeder mit seiner eigenen Sensibilität: Der eine lindert Verbrennungen, der andere bringt „den Magnetismus der Gelenke“ wieder in Ordnung, ein weiterer reinigt die „Flüssigkeiten“ eines depressiven Menschen. Diese Vielfalt zeugt vom Reichtum einer Tradition, die die Jahrhunderte überdauert hat. Vor allem der anhaltende Erfolg dieser Praktiken zeigt, dass für viele unserer Zeitgenossen etwas mehr existiert als die greifbare Materie: ein unsichtbares energetisches Prinzip, dessen Ausdruck der Magnetismus ist und auf das man einwirken kann, um die Harmonie wiederzufinden.

Bemerkenswert ist, dass das Vertrauen der Öffentlichkeit in diese Magnetiseure weiterhin groß ist. Häufig arbeiten sie mit Ärzten zusammen oder ergänzen deren Behandlung: Man geht wegen Rückenschmerzen zum „Knochenrichter“, während man gleichzeitig seine medizinische Behandlung fortsetzt, oder bittet den Feuerlöscher, eine Verbrennung zu behandeln, während man auf die Notfallversorgung wartet. Dieses pragmatische Nebeneinander von wissenschaftlicher Medizin und magnetischer Heilung veranschaulicht eine volkstümliche Weisheit: Warum sollte man auf Hilfe verzichten, selbst wenn sie unerklärlich ist, sofern sie Linderung bringt? Letztlich ist der Magnetismus für viele weniger ein Glaube als eine persönliche Erfahrung – die wohltuende Wärme einer Hand auf einer fiebrigen Stirn, ein Schmerz, der nachlässt, ohne dass man weiß, wie, oder der wiedergefundene Schlaf nach einer magnetischen Streichbewegung.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts verbindet sich der Magnetismus auch mit neuen Formen der Spiritualität und des Wohlbefindens. Brücken werden zwischen der westlichen Tradition des Magnetiseurs und östlichen Praktiken wie Reiki geschlagen, das ebenfalls auf der Übertragung einer universellen Energie durch Handauflegen beruht. Die Sprache verändert sich: Man spricht von „biomagnetischer Energie“, Chakren und Aura – Begriffe aus Indien oder der modernen Esoterik –, doch der Kern bleibt derselbe. Es geht darum, die Kanäle der Lebensenergie zu öffnen und das Gleichgewicht von Körper und Geist wiederherzustellen. Viele moderne Magnetiseure erklären ihre Gabe auf anschauliche Weise: Jedes Lebewesen wird von einem feinen Strom durchzogen, vergleichbar mit einem elektrischen Netzwerk, das bei einem „Kurzschluss“ oder einer Blockade wieder ins Gleichgewicht gebracht werden müsse. Diese Analogien sollen den Magnetismus für den Menschen von heute verständlich machen, ohne ihn zu entzaubern. Denn die spirituelle Dimension ist nie weit entfernt: Viele Praktizierende rufen eine Energie der Liebe an, eine Gnade, die durch sie hindurchwirkt. So bewahrt der Magnetismus seinen heiligen oder göttlichen Charakter – man spricht von einer Gabe des Himmels –, auch wenn er mit modernen Worten beschrieben wird.

So hat der Magnetismus als spirituelle und magische Kraft den Westen durch die Zeitalter begleitet, sich unaufhörlich verwandelt, aber nie verschwunden. Seine symbolische Bedeutung ist stark: Er steht für die universelle Anziehung, die geheimnisvolle Entsprechung zwischen allen Dingen, die Lebensflüssigkeit, die Seele und Körper, Mensch und Natur verbindet. Und auch heute, wenn die Hände eines Magnetiseurs einen Schmerz lindern oder einen Geist beruhigen, lebt ein Teil dieser Weisheit wieder auf: jene Weisheit, die besagt, dass das Unsichtbare zum Wirklichen gehört und der Magnetismus ein Weg ist, das Geheimnis des Lebens mit den Fingerspitzen zu berühren.


Quellen:

  • Über den Einfluss der Gestirne auf die lebenden Körper, Franz Anton Mesmer, 1776

  • Memoir on Animal Magnetism, Marquis de Puységur, 1784

  • Magnetism and Mesmerism in the Enlightenment, Journal of the History of Ideas, 2015

  • The Discovery of the Unconscious, Henri F. Ellenberger, Basic Books, 1970

  • Die Lehre vom animalischen Magnetismus, Charles Lafontaine, 1851

  • From Mesmer to Freud: Magnetic Sleep and the Roots of Psychological Healing, Adam Crabtree, Yale University Press, 1993

  • Medizinische Archive zum Magnetismus, Paris, 19. Jahrhundert

  • Handschriften der Bibliothèque nationale de France, Abschnitte über Mesmerismus und animalischen Magnetismus

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