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Das Tarot von Besançon, das andere französische Tarot

Das Tarot von Besançon, das andere französische Tarot

INHALTSVERZEICHNIS...

 

1. Ein Tarot, geboren in einem angespannten religiösen Kontext
2. Rheinische Entstehung eines ökumenischen Tarots
3. Goldenes Zeitalter in der Franche-Comté und schweizerische Ausstrahlung
4. Erbe und Perspektiven von Historikern


Lange Zeit vom berühmten Tarot von Marseille überschattet, besitzt das Tarot von Besançon dennoch eine ganz eigene Geschichte, geprägt von religiösen Spannungen, rheinischen Kulturaustauschen und der Vorliebe für ein populäres Spiel. Dieses heute wenig bekannte Tarot ist tatsächlich eines der aufschlussreichsten Zeugnisse für die Entwicklung der Wahrsagekarten zwischen dem Ende der Renaissance und dem 19. Jahrhundert.

1. Ein Tarot, geboren in einem angespannten religiösen Kontext

Um die Entstehung des Tarots von Besançon zu verstehen, muss man zunächst den Status des Tarots zu jener Zeit hinterfragen. Weit entfernt von jeglicher esoterischen Dimension ist das Tarot vor allem ein Spiel. Es wird in familiären, sozialen und festlichen Kontexten verwendet, ohne wahrsagerische Absicht oder symbolische Deutung. Die magische Nutzung des Tarots entsteht erst später, um die Wende zum 19. Jahrhundert, insbesondere unter dem Einfluss französischer Okkultisten wie Court de Gébelin oder Éliphas Lévi.

Im Elsass und in den Gebieten des Oberrheins zu Beginn des 18. Jahrhunderts verbreitet sich das Tarot weit, geschätzt für die Vielfalt seiner Trümpfe und die verschiedenen Spielmöglichkeiten. Doch diese Verbreitung stößt auf ein Problem: Zwei zentrale Figuren des klassischen Tarots, der Papst (Arcana V) und die Päpstin (Arcana II), werden in protestantischen Regionen schlecht akzeptiert. Der Papst wird als Symbol der römisch-katholischen Autorität gesehen, die Päpstin als ketzerische Darstellung, die mit der Legende der Päpstin Johanna assoziiert wird.

Um die Nutzung des Tarots in einem konfessionell geteilten Raum zu erhalten, wählen die Kartenersteller aus Straßburg einen Umweg. Sie ersetzen diese beiden problematischen Arkanen durch Figuren aus der griechisch-römischen Mythologie: Juno und Jupiter. Dieser Wechsel ist geschickt. Er bewahrt die Struktur des Spiels und neutralisiert gleichzeitig die doktrinären Spannungen. So wird das Tarot zu einem Kompromissfeld, einem grafischen Objekt, das zugleich spielerisch, kommerziell und diplomatisch ist.

2. Rheinische Entstehung eines ökumenischen Tarots

Das Tarot von Besançon entsteht also in... Straßburg, zu Beginn des 18. Jahrhunderts, in einer Region, die von der fragilen Koexistenz der Konfessionen geprägt ist. Juno und Jupiter ersetzen die beiden religiösen Arkanen, doch der Rest des Spiels bleibt unverändert: italienische Farben (Stäbe, Kelche, Schwerter, Münzen), römische Nummerierung, Holzschnittdruck und Schablonenfärbung. Der Stil stammt vom sogenannten „Typ I“ des Tarot von Marseille, mit dem es die formalen Grundlagen teilt.

Einige visuelle Details zeigen jedoch eine eigene Ästhetik der Rheinregion. Der Amor beim Liebenden zielt direkt auf die Figuren, der Mond zeigt ein frontales Gesicht, der Teufel hat einen behaarten, aufrechten Körper, und die Figur der Welt nimmt eine Kontrapost-Haltung ein (eine Art, den menschlichen Körper stehend darzustellen, wobei das Gewicht hauptsächlich auf einem Bein ruht, während das andere entspannt ist). Diese Besonderheiten unterscheiden das Tarot von Besançon deutlich, verbinden es aber zugleich mit der großen ikonographischen Familie der südlichen Tarots.

Die ersten gedruckten Bögen reisen entlang des Rheins von Straßburg nach Colmar, dann weiter nach Ulm und in die Schweizer Gebiete. Der Holzschnittdruck, das dicke Papier und die klaren Farben sprechen ein vielfältiges Publikum an. Dieses Tarot setzt sich in der gesamten elsässischen und süddeutschen Region durch und wird im gesamten 18. Jahrhundert zum Referenzmodell.

3. Goldenes Zeitalter in der Franche-Comté und schweizerische Ausstrahlung

Um 1800 lässt sich Jacob Jerger, ein Kartenersteller aus Kehl, in Besançon nieder und druckt dort dasselbe Spiel wie in Elsass. Er ändert weder die Figuren, noch die Struktur oder den Stil. Doch von da an verbreiten Händler aus Paris den Ausdruck „Tarot von Besançon“, der sich schließlich durchsetzt. Der Name etabliert sich, das Spiel verankert sich in einer neuen Stadt.

Das Tarot von Besançon, das andere französische Tarot

Tarot von Besançon. Quelle

Die Ausstrahlung des Tarots von Besançon überschreitet nun die Grenzen. In der Schweiz drucken Johann Georg Rauch und später sein Schwiegersohn Johannes Müller in Diessenhofen ein streng identisches Spiel für den alemannischen Raum. Die Edition endet Mitte des 19. Jahrhunderts, taucht aber in den 1960er Jahren dank des Hauses A.G. Müller wieder auf. Das Spiel wird dann „1JJ“ genannt, für „Juno, Jupiter“, eine Ehrung seiner Gründungsfiguren. Es wird zum offiziellen Spielträger der traditionellen Schweizer Spiele Troccas und Troggu, die noch in einigen Tälern der Bündner gespielt werden.

4. Erbe und Perspektiven von Historikern

Im übrigen Frankreich erlebt das Tarot von Besançon im 19. Jahrhundert einen Niedergang, da es von einem moderneren Modell verdrängt wird: dem Neuen Tarot (ausschließlich für das Spiel und nicht für Wahrsagerei gedacht), mit französischen Farben und gut lesbaren Figuren, konzipiert für Cafés, Stichspiele und schnelle Anwendungen. Das bisontinische Tarot, als zu archaisch angesehen, gerät in Sammlungen und Reserven.

Im 20. Jahrhundert erwecken Forscher dieses vergessene Erbe wieder zum Leben. Das Tarot von Besançon ist nicht mehr nur eine regionale Kuriosität: Es wird zu einem Studienobjekt, einem Zeugnis kultureller Verflechtungen zwischen katholischer und protestantischer Welt.

2013 erschafft der Sammler André Humbert ein vollständig mit bisontinischen Figuren illustriertes Tarot, eine zeitgenössische Version, die mit dem Erbe von Jerger in Dialog tritt. Ausstellungen, Faksimiledrucke und wissenschaftliche Studien verlängern heute diese Geschichte. Das Tarot von Besançon ist kein armes Verwandter des Tarot von Marseille. Es ist sein rheinischer Cousin und hat keine wirkliche Wahrsagekarriere erlebt, denn es war letztlich sein südfranzösischer Cousin, der als Träger ausgewählt wurde.

Olivier d’Aeternum
Par Olivier d’Aeternum

Leidenschaftlich für esoterische Traditionen und die Geschichte des Okkulten von den ersten Zivilisationen bis zum 18. Jahrhundert teile ich einige Artikel zu diesen Themen. Ich bin auch Mitbegründer des Online-Esoterikshops Aeternum.

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