Wer kennt das Himmel und Hölle Spiel nicht? Es ist eines der ältesten und bekanntesten Kinderspiele. Es findet sich in verschiedenen Formen auf allen Kontinenten, gespielt sowohl auf modernen Schulhöfen als auch in den Straßen traditioneller Dörfer. Seine Einfachheit, mit den mit Kreide auf den Boden gezeichneten Feldern und dem Steinchen, das geschickt von Feld zu Feld geschoben wird, hat zu seiner Popularität beigetragen.
Aber was macht dieses Spiel so besonders? Warum hat diese scheinbar so einfache Aktivität die Zeiten überdauert? Ist es nur ein Spiel von Glück und Geschicklichkeit, oder verbirgt sich dahinter eine tiefere Symbolik? Wenn man seine Regeln, den Ablauf und die verschiedenen Formen, die es weltweit annimmt, genauer betrachtet, wird deutlich, dass Himmel und Hölle weit mehr als nur ein Zeitvertreib ist. Hinter jedem Sprung, jedem Feld verbirgt sich eine Symbolik, die auf symbolische Konzepte verweist. Eine Entschlüsselung.
1. Die Ursprünge des Himmel und Hölle Spiels
Das Himmel und Hölle Spiel ist sehr alt, lange bevor es zu einem beliebten Kinderspiel auf Schulhöfen wurde. Die ersten Spuren dieses Spiels oder ähnlicher Spiele reichen bis in die Antike zurück, wo es in verschiedenen Zivilisationen, insbesondere in Rom und Ägypten, gespielt wurde.
Die ersten Erwähnungen des Himmel und Hölle Spiels finden sich im Römischen Reich. Laut einigen Historikern nutzten römische Soldaten ein ähnliches Spiel als Übung zur Verbesserung ihrer Ausdauer. Die Soldaten durchliefen eine gerade auf den Boden gezeichnete Strecke, manchmal hüpfend auf einem Bein, was an die Bewegungen im heutigen Himmel und Hölle Spiel erinnert. Dieses Spiel hatte möglicherweise auch eine spirituelle oder symbolische Dimension und stellte einen Initiationsweg oder eine Prüfungsstrecke dar.
Mit der Eroberung wurde diese Praxis von den Soldaten den Einheimischen beigebracht. Eine solche Zeichnung wurde sogar auf dem Boden des Römischen Forums gefunden. Das Spiel verbreitete sich dann weit und wurde bei Kindern beliebt. Es ist nicht genau bekannt, wie das Spiel ursprünglich genannt wurde, aber das Wort „marelle“ stammt aus dem Altfranzösischen méreau, was „Jeton“ oder „Plättchen“ bedeutet.

Auch in Ägypten wurden Zeichnungen gefunden, die Spielen ähnlich dem Himmel und Hölle ähneln, auf Tafeln und Tempelböden. Obwohl es keine direkten Beweise dafür gibt, dass das Himmel und Hölle Spiel in der heutigen Form gespielt wurde, deuten diese Zeichnungen auf rituelle oder symbolische Spiele hin, bei denen die Spieler einem kodifizierten Weg folgten, möglicherweise verbunden mit religiösen Glaubensvorstellungen.
2. Himmel und Hölle als Initiationsweg
Das Himmel und Hölle Spiel symbolisiert auch allegorisch den Lebensweg des Menschen. Jeder Sprung, jeder Schritt auf ein Feld stellt eine Etappe dieses Weges dar, geprägt von Herausforderungen, Erfolgen und Prüfungen.
Der Verlauf des Spiels, in Form eines Kreuzes oder einer Spirale, ist wie eine Darstellung der Reise des menschlichen Lebens. Der Spieler, der meist unten am Spielfeld beginnt, symbolisiert eine Seele, die ihre Reise auf der Erde beginnt. Jedes durchschrittene Feld ist eine Metapher für Lebensphasen wie Kindheit, Jugend, Erwachsenenalter, Alter und das Jenseits. Üblicherweise steht unten „Erde“ und oben „Himmel“.
Der Spieler muss einen Stein werfen, der ein Ziel oder eine Herausforderung darstellt, und ohne das Gleichgewicht zu verlieren vorankommen, was die Notwendigkeit symbolisiert, Hindernisse zu überwinden und trotz Schwierigkeiten den Kurs zu halten.
Traditionell sind die Felder von 1 bis 10 nummeriert, doch darüber hinaus können sie als Symbole für verschiedene Aspekte des menschlichen Daseins interpretiert werden. Dass einige Felder isoliert sind (man muss auf einem Bein hüpfen), während andere nebeneinander liegen (man kann beide Füße aufsetzen), symbolisiert Zeiten der Stabilität und Instabilität im Leben, Momente des Gleichgewichts und solche, in denen größere Herausforderungen bewältigt werden müssen.
3. Himmel und Hölle als Metapher des Lebens
Im Himmel und Hölle Spiel ist das Vorankommen von Feld zu Feld durch Hüpfen auf einem Bein sehr symbolträchtig. Diese Bewegung ist nicht nur eine physische Anforderung des Spiels, sondern verkörpert auch die Zerbrechlichkeit und Instabilität der Kindheit. Das Kind, das sich noch in der Entwicklung befindet, sowohl körperlich als auch psychisch, muss sich in einer Welt zurechtfinden, in der das Gleichgewicht noch nicht vollständig erlangt ist. Das Hüpfen auf einem Bein, Symbol dieser Unsicherheit, spiegelt die Herausforderungen wider, die das Kind auf dem Weg zur Reife überwinden muss.

Dieser Sprung, der das Kind zwingt, sein Gleichgewicht zu halten und gleichzeitig voranzukommen, ist eine kraftvolle Metapher für den Übergang von der Unschuld zur erwachsenen Reife. Jedes Mal, wenn der Spieler ein Feld überquert, macht er einen symbolischen Schritt zu einem größeren Selbst- und Weltverständnis. Diese Entwicklung steht für den Wachstumsprozess, bei dem das Kind durch Erfahrungen und Lernen allmählich die Fähigkeiten erwirbt, um den Realitäten des Erwachsenenlebens zu begegnen.
Das Hüpfen auf einem Bein, anfangs schwierig und unsicher, wird mit der Zeit sicherer, was symbolisiert, wie das Kind mit dem Heranwachsen die Kontrolle über seinen Körper, seine Gefühle und seinen Geist gewinnt. Jedes überquerte Feld ist somit eine Etappe in diesem Reifungsprozess, in dem das Kind nicht nur lernt, in der Welt zu stehen, sondern auch trotz Hindernissen selbstbewusst voranzuschreiten.
Die Felder des Himmel und Hölle Spiels können als aufeinanderfolgende Phasen des Wachstums und Lernens gesehen werden. Mit jedem neuen Feld steht der Spieler vor einer neuen Herausforderung, die er überwinden muss, um seinen Weg fortzusetzen. Dies spiegelt die verschiedenen Lebensabschnitte von Kindheit und Jugend wider, in denen jede Phase neue Fähigkeiten, Lektionen und Hindernisse mit sich bringt.
Dass das Kind auf einem Bein hüpfen muss, verdeutlicht auch die Notwendigkeit, ein inneres Gleichgewicht zu entwickeln. Nur wenn es diesen Sprung meistert und sein eigenes Gleichgewicht findet, kann der Spieler hoffen, das letzte Feld zu erreichen, das einen Zustand der Reife und Selbstverwirklichung darstellt. Jeder Sprung ist somit ein kleiner Sieg über Unsicherheit und Zerbrechlichkeit, ein Beweis dafür, dass das Kind wächst und an Stärke gewinnt.
Das letzte Feld des Spiels, oft „Himmel“ oder „Paradies“ genannt, ist das endgültige Ziel des Spielers und symbolisiert das Erreichen des Erwachsenenalters. Es ist nicht nur ein physisches, sondern auch ein spirituelles und psychologisches Ziel. Mit dem Erreichen dieses Feldes verlässt der Spieler symbolisch die Kindheit und tritt in einen Zustand voller Bewusstheit und Verantwortung ein. Hier steht das Kind, nun erwachsen, auf beiden Beinen, ausgestattet mit den Fähigkeiten und der Reife, um sich in der Welt zurechtzufinden.
Dieses letzte Feld steht auch für die Fülle des Erwachsenenlebens, in dem der Mensch nicht nur die Herausforderungen der Jugend gemeistert hat, sondern auch bereit ist, die mit der Reife verbundenen Verantwortungen zu übernehmen. Der Himmel oder das Paradies ist in dieser Interpretation nicht nur ein Ort spiritueller Belohnung, sondern ein Zustand der Vollendung, in dem Körper, Geist und Gefühle im Gleichgewicht sind.
4. Himmel und Hölle als Weg des Lahmen
Das Himmel und Hölle Spiel ist über seine spielerische Erscheinung hinaus reich an religiöser und spiritueller Symbolik, insbesondere durch die Figur des „Lahmen“ und die verblüffende Ähnlichkeit des Spielfelds mit der Form einer Kirche.
Der Lahme, der seinen Weg auf einem Bein beginnt, symbolisiert eine Person mit einem „spirituellen Mangel“. Dieser Mangel kann als Unwissenheit, Zweifel oder Unglauben gegenüber dem Göttlichen interpretiert werden. In diesem Kontext steht das Stehen auf nur einem Bein für ein spirituelles Ungleichgewicht, einen Zustand der Unsicherheit, in dem der Mensch seinen Weg oder seinen Glauben noch nicht gefunden hat. Der Lahme ist eine suchende Seele, die auf ihrem Weg zur Wahrheit oder zum Glauben noch unsicher ist, und sein Weg im Himmel und Hölle Spiel ist eine Allegorie dieser Suche nach Vollständigkeit.

Der Verlauf des Spiels, mit seinen von unten nach oben nummerierten Feldern, symbolisiert einen Initiationsweg. Der Lahme beginnt „unten“, was oft metaphorisch als Position in der Hölle oder in den Dunkelheiten der Unwissenheit verstanden wird. Mit jedem Sprung, mit jedem Fortschritt von Feld zu Feld, überwindet er Herausforderungen, die spirituelle Prüfungen und notwendige Lehren darstellen, um seine Seele zu erheben. Die Felder, auf denen er hüpft, repräsentieren die Etappen dieses Weges, von der Hölle oder den niederen Bereichen des menschlichen Daseins, wo materielle und weltliche Einflüsse vorherrschen, hin zu höheren Sphären des Bewusstseins und der Spiritualität.
Im Laufe seines Fortschritts lernt der Lahme, sein spirituelles Ungleichgewicht zu überwinden. Er gewinnt an Stabilität und Verständnis und erreicht symbolisch den „Himmel“ oder das „Paradies“, das letzte Feld, das die Vereinigung mit dem Göttlichen darstellt. An diesem Punkt hat der Lahme seinen Weg gefunden und die göttliche Dimension des Daseins vollständig angenommen. Mit dem Erreichen dieses letzten Feldes richtet er sich auf, steht auf beiden Beinen, ein Zeichen seiner spirituellen Vollständigkeit und Erlösung.
Aus manichäischer Sicht ist der Weg des Lahmen ein Kampf zwischen den Kräften des Guten und des Bösen, des Lichts und der Dunkelheit. Der Lahme, der die menschliche Seele repräsentiert, beginnt seine Reise in der „Hölle“, einer Metapher für die Abgründe des Daseins, wo Zweifel, Sünde und Unwissenheit herrschen. Im Verlauf seiner Entwicklung erhebt er sich körperlich und spirituell, bis er den „Himmel“ erreicht. Dieser Himmel ist der Ort, an dem er auf beiden Beinen stehen kann, ein Symbol für sein wiedergefundenes Gleichgewicht und seine Verankerung im Glauben. Diese Verwandlung des Lahmen, vom Zustand des Ungleichgewichts zum spirituellen Gleichgewicht, symbolisiert den Weg der Erlösung.
Diese spirituelle Reise, die von der Hölle zum Himmel führt, ist eine Metapher für den inneren Kampf, den jeder Mensch führen muss, um seine Unvollkommenheiten und Zweifel zu überwinden. Das Himmel und Hölle Spiel wird in dieser Perspektive zu einer Allegorie des Heils, bei der der Lahme durch seinen Initiationsweg den Weg zum göttlichen Licht findet und von der gefallenen menschlichen Bedingung zur Versöhnung mit Gott gelangt.
5. Ein entfernter Verwandter des Gänsespiels und Blinde Kuh?
Wenn man genauer hinschaut, erkennt man, dass das Himmel und Hölle Spiel symbolisch relativ nah mit anderen bekannten Spielen verwandt ist: dem Gänsespiel und Blinde Kuh.
Das Gänsespiel ist ein Brettspiel, das mindestens bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht und ebenfalls einen Lebensweg symbolisiert, jedoch auf andere Weise. Jedes Feld auf dem Brett steht für eine Etappe dieses Weges, mit günstigen und ungünstigen Feldern (wie dem Gänsefeld, das vorwärts bringt, oder dem Todesfeld, das den Spieler zurückwerfen lässt). Das Gänsespiel kann als Darstellung der Unwägbarkeiten des menschlichen Lebens gesehen werden: Glück, Pech, zu überwindende Hindernisse und die Notwendigkeit, trotz Rückschlägen durchzuhalten.

Wie beim Himmel und Hölle Spiel gibt es beim Gänsespiel eine symbolische Fortschreitung zu einem Endziel, allerdings ist diese hier stärker vom Zufall (Würfeln) abhängig als von körperlicher Geschicklichkeit oder spirituellem Fortschritt. Dennoch ist die Idee einer Initiationsreise, bei der der Spieler Hindernisse überwinden muss, um ein letztes Ziel zu erreichen, in beiden Spielen vorhanden.
Blinde Kuh hingegen ist ein mittelalterliches Spiel, bei dem ein Spieler die Augen verbunden bekommt und die anderen Spieler blind fangen muss. Dieses Spiel hat eine andere Symbolik, die auf Vertrauen, den Verlust visueller Orientierung (eine Variante des Lahmen) und die Nutzung anderer Sinne zur Zielerreichung abzielt. Es symbolisiert Unsicherheit, die Herausforderung, sich in Dunkelheit oder Unbekanntem zurechtzufinden, und kann mit Konzepten von Verlust und Neuorientierung verbunden werden, bei denen der Einzelne lernen muss, sich ohne gewohnte Orientierungspunkte zu bewegen.
Im Gegensatz zu Himmel und Hölle und dem Gänsespiel, die eine lineare oder kreisförmige Struktur haben und eine Reise oder einen Lebensweg darstellen, ist Blinde Kuh weniger eine Allegorie des Lebenswegs, sondern eher eine Erkundung von Selbstvertrauen, Vertrauen in andere und der Fähigkeit, sich an Situationen anzupassen, in denen Orientierungspunkte fehlen.
So kennen Sie nun alle Symboliken, die in diesem scheinbar so einfachen Spiel stecken!















